Geschlechterspezifische Unterschiede im Pkw-Insassenschutz in Österreich
veröffentlicht am 25.03.2026
Erhöhtes Verletzungsrisiko für Frauen bei Autounfällen
Eine vom Verkehrssicherheitsfonds (VSF) geförderte Studie zeigt deutlich höheres Verletzungsrisiko für Frauen bei Pkw-Unfällen und fordert angepasste Sicherheitssysteme.
Frauen deutlich stärker gefährdet als Männer
Die VSF-Forschungsarbeit „DIVERSE – Unterschiede zwischen Männern und Frauen im Fahrzeug-Insassenschutz“ des Instituts für Fahrzeugsicherheit der TU Graz analysiert umfangreiche Unfalldaten und rekonstruierte Unfälle, um das Verletzungsrisiko von Frauen und Männern im Pkw systematisch zu vergleichen. In der Auswertung zeigte sich, dass Frauen in Österreich bei Pkw-Unfällen insgesamt ein deutlich höheres Risiko haben verletzt zu werden, und zwar rund 1,6‑mal so häufig wie Männer, obwohl sie in vergleichbaren Unfallsituationen unterwegs sind. Besonders ausgeprägt ist dieser Nachteil für Frauen auf dem Beifahrersitz sowie in höheren Altersgruppen, wo sowohl die Häufigkeit als auch die Schwere der Verletzungen zunimmt und damit strukturelle Unterschiede im Insassenschutz sichtbar werden. Die Ergebnisse dieser Studie legen nahe, dass bisherige Sicherheitskonzepte vor allem an männlichen Referenzkörpern ausgerichtet sind und spezifische Risiken von Frauen im realen Unfallgeschehen nicht ausreichend berücksichtigen.
Schwere Verletzungen bei geringeren Kollisionsgeschwindigkeiten
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung ist, dass Frauen bereits bei niedrigen bis mittleren Kollisionsgeschwindigkeiten Verletzungsmuster zeigen, die bei Männern typischerweise erst bei deutlich stärkerem Aufprallen auftreten. Betroffen sind insbesondere Brustkorb, Wirbelsäule und obere Extremitäten, also Körperregionen, die beim Gurt- und Airbageinsatz stark belastet werden und sensibel auf ungünstige Gurtverläufe oder hohe Rückhaltekraft reagieren. Die Studie verweist zudem darauf, dass Unterschiede in Körpergeometrie, Muskulatur und Sitzhaltung dazu führen, dass Frauen im Unfallsituationen anders belastet werden und deshalb mit den derzeitigen Standardkonfigurationen schlechter geschützt sind. Die Analyse unterstreicht, dass eine rein „geschlechtsneutrale“ Betrachtung der bisherigen Fahrzeugsicherheitsentwicklung in der Praxis zu systematischen Benachteiligungen führt, wenn reale Unterschiede zwischen den Nutzergruppen nicht mitgedacht werden.
Bedeutung von Sitzposition und Gurtkraftbegrenzung
Auf Basis von Simulationen mit Menschmodellen wurde in der Studie dargelegt, wie entscheidend die konkrete Sitzposition für die Verletzungsbelastung ist und dass schon kleine Abweichungen große Auswirkungen haben können. Sitzabstand zur Instrumententafel, Sitzhöhe, Lehnenneigung und Gurtverlauf beeinflussen nicht nur die Aktivierung von Airbags, sondern auch die Lastverteilung des Gurtes am Körper, was für Frauen aufgrund anderer Körperformen besonders relevant ist. Die Autor:innen empfehlen deshalb, die Variation von Sitzpositionen systematisch in Evaluierungen der Fahrzeugsicherheit einzubeziehen und Sicherheitsausstattung so zu konstruieren, dass sie ein breiteres Spektrum an Körpergrößen und -formen abdeckt. Als vielversprechender Ansatz werden adaptive Gurtkraftbegrenzer genannt, die die einwirkenden Kräfte dynamisch steuern und damit den Brustkorb entlasten können, ohne den Rückhalt zu verschlechtern.
Technische Anpassungen und Aufklärung als Doppelstrategie
Neben der technischen Weiterentwicklung von Fahrzeugsicherheitssystemen betont die Studie die Bedeutung von Information und Bewusstseinsbildung für eine sichere Sitzhaltung im Alltag. Für eine bessere Schutzwirkung sind ein korrekter Gurtverlauf über Schulter und Becken, ausreichender Abstand zu Lenkrad oder Armaturenbrett sowie eine möglichst aufrechte Sitzposition entscheidend, doch vielen Nutzer:innen sind diese Faktoren im Detail nicht bewusst. Empfohlen werden daher zielgruppenspezifische Informationskampagnen, die insbesondere Frauen über sichere Sitzposition, geeignete Kleidung (etwa Vermeidung dicker Jacken unter dem Gurt) und die richtige Nutzung der Fahrzeugeinstellungen aufklären. Erst das Zusammenspiel aus geschlechtersensibel gestalteten Sicherheitssystemen und informierten Verkehrsteilnehmenden kann das dokumentierte erhöhte Verletzungsrisiko für Frauen im Pkw nachhaltig reduzieren. Weiterführende Informationen sowie die Studie im Überblick finden Sie hier auf der Website des Bundesministeriums für Innovation, Mobilität und Infrastruktur.