Niki Glattauer im Interview (14.02.2018)

Der Autor über sein neues Buch "Ende der Kreidezeit" und die Mühen des (Konsumenten-)Lebens

© Ingo Pertramer_Brandstätterverlag

Heute Abend präsentiert Niki Glattauer, Schuldirektor und Bestsellerautor, sein jüngstes Buch "Ende der Kreidezeit" in der Buchhandlung "Thalia" (19 Uhr, Landstraßer Hauptstraße 2a/2b 1030 Wien).

Für konsumentenfragen.at stand der beliebte Autor bereits vorab für einige Fragen zur Verfügung:


Herr Glattauer, Sie sind Lehrer und beschreiben in Ihrem neuen Buch die Mühen des heutigen (Konsumenten-)Lebens. Glauben Sie, dass Ihre SchülerInnen, diese Mühen ebenso wahrnehmen und wenn nicht, ist das gut oder schlecht?

Ich bin ja inzwischen zum Schuldirektor abgestiegen ;-), stehe also nicht mehr in der Klasse, und nach meinen inzwischen 13 Romanen, Kinderbüchern und Sachbüchern geht es in „Ende der Kreidezeit" erstmals um den „Wahnsinn Alltag", der uns zunehmend überfordert. Und ja, ich behaupte, das gilt auch für unsere Kinder. Nur, dass diese noch glauben, es sei ein Segen an der digitalen Leine zu hängen: sich bei McDonalds an der Selbstbedienungsstation den Burger schweigend selber touchen zu können, statt mit einem Menschen vielleicht ein bisschen Schmäh zu führen; im Bett mit Netflix bis in die Puppen wach zu bleiben, statt zu schlafen und den Sinnen Ruhe zu gönnen. Sich den Einkauf an der Do-it-Yourself-Kassa selber zu verrechnen und damit Tausende Kassierinnen und Kassierer arbeitslos zu machen. Usw. Die Protagonistin in meinem Buch, eine Mathe-Lehrerin und alleinerziehende Mutter zweier Schulkinder, schnallt im Lauf der Geschichte, dass es kein Gewinn ist, sich immer mehr Arbeit umhängen zu lassen, unbezahlt noch dazu, nur weil es die Digitalisierung scheinbar ermöglicht - Beispiel Netbanking - , schließlich ändert sie den Kurs.


Warum verwenden Sie in Zusammenhang mit Digitalisierung das Wort scheinbar?

Weil die digitale Welt in Wahrheit noch gar nicht richtig funktioniert, während die analoge immer weniger funktioniert. Wir sind Versuchskaninchen. Du verlässt dich auf dein Navi und landest in der Pampa; am Telefon hängst du, wenn du eine einfache Frage hast oder eine berechtigte Beschwerde, stundenlang in Warteschleifen, bis dich in einem Callcenter ein Tonband aus der Leitung wirft, weil deine Frage nicht dabei war, nachdem du 77 mal die 1, 17 mal die 2 und sieben Mal die 3 gewählt hast.


Die Digitalisierung ist ein Schlagwort, auf das sich nicht nur die Politik, sondern auch die Schulpolitik bezieht: alles soll schneller, einfacher und weniger personalintensiv ablaufen. Kinder ohne Smartphone stehen (schon in der Volksschule?) im Abseits. Was halten Sie von diesem Trend?

Ich bin kein Feind der Digitalisierung. Der Smarttrottel ist im Prinzip eine Errungenschaft. Ich halte also gar nichts von einer Altersuntergrenze und von hundert anderen Reglementierungen, das ist alles total kontraproduktiv. Aber das Handy macht etwas mit uns und unseren Kindern, dessen sollen wir uns bewusst sein. Ich sehe an meinen Schülern und natürlich noch viel stärker an meinen beiden eigenen Kindern, wie schwer sie sich zum Beispiel damit tun, Langeweile zuzulassen. Wenn ich mit meiner 15-jährigen Tochter im Bus oder in der U-Bahn sitze, dann verlange ich, dass sie den Smarttrottel wegtut. Sie sagt dann, sie will aber nicht mit mir reden. Auch gut, sage ich dann, dann schau dir andere Menschen an oder denk übers Leben nach statt etwas zu konsumieren. Menschen nehmen immer weniger Blickkontakt miteinander auf, das Dekodieren von Gestik und Mimik geht verloren, weil alle ständig nur noch an ihren Displays hängen. Sogar in Bewegung.


Also kein Smartphone-Verbot in der Schule…

Als Direktor bin ich ausdrücklich für den Gebrauch des Smartphones im Unterricht. Google und Wikipedia statt Brockhaus; Navi als Ergänzung zum Stadtplan, so was. Den richtigen Umgang muss man aber lernen und üben. Wenn ich im strömenden Regen stehe, muss ich nicht auf der Wetter-App nachschauen, ob ich einen Schirm brauche.


Der Unterricht soll heutzutage kompetenzorientiert ablaufen, was ja prinzipiell g‘scheit ist. Welche 3 Grundkompetenzen würden Sie Ihren SchülerInnen jedenfalls mitgeben wollen?

Kinder brauchen eigentlich nur eine Kompetenz: Die, sich selbst zu mögen. Nur wer sich selbst mag, kann anderen vertrauen, und nur wer anderen vertrauen kann, kann andere auch mögen. Wer dann noch die Gabe des Humors besitzt, hat schon gewonnen. Der Schauspieler Heinz Marecek hat das einmal genannt: die Bereitschaft zur Gernhabung. Wer diese besitzt, ist offen und wird ein Leben lang lernen wollen. Offenheit und Neugier und Humor sind wichtiger als lauter Einser im Zeugnis.

Wir bedanken uns herzlich für das Interview!


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